Dr. Michael Proeller: „Export nach Indien mit ‚Made in Germany‘ können Sie vergessen“

Dr. Michael Pröller ist Geschäftsführer von Erhardt+Leimer. Foto: E+L

Welche Potenziale bietet der indische Markt für Unternehmen in Bayerisch-Schwaben? Diese Frage versuche ich in der neuen B4B-Forschungsreihe „Indien“ zu beantworten. Dr. Michael Pröller, Geschäftsführer von Erhardt+Leimer, erklärt im Interview, wie er mit seinem Unternehmen in Indien richtig durchstarten konnte – aber auch, welche Risiken das südasiatische Land birgt.

B4BSCHWABEN.de: Hr. Pröller, Sie sind mit Erhardt+Leimer schon lange in Indien vertreten und haben dort sogar einen Firmenstandort. Wie lautet Ihr Fazit zum indischen Markt?

Dr. Michael Pröller: Unsere Erfahrungen in Indien sind bisher sehr positiv. E+L war eines der ersten Unternehmen in der Region, das nach Indien expandierte. Das war 1978 und fing ganz klein an. Damals durften sie nicht in Indien investieren, wie wir es heute kennen. Damals war ein Mehrheitsgesellschafter Pflicht. Damit könnten Sie als deutsches Unternehmen knapp 50 Prozent besitzen.

Hing der Erfolg also auch von Ihrem Partner vor Ort ab?

Unbedingt. Wir hatten damals wirklich Glück, dass wir einen hervorragenden Partner gefunden haben, der in der Textilbranche tätig war, da wir selbst noch sehr textillastig waren. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt und sind immer sehr gut gewachsen.

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Wann kam der Durchbruch?

Etwa aus den Jahren 2002/2003. Der damalige Premierminister verfolgte eine sehr wirtschaftsfreundliche Politik, und dann explodierte Indien. Auch jetzt, während der Narendra-Modi-Ära, nimmt das Land richtig Fahrt auf und entwickelt einen hohen Binnenkonsum. Kurzum: Der indische Markt wird immer wichtiger. Und nicht zu unterschätzen sind die internationalen Verbindungen der indischen Geschäftswelt.

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Was meinst du damit?

Wenn wir zum Beispiel nach Afrika schauen, wird oft gesagt, dass die Chinesen Afrika in Bezug auf Rohstoffe und Infrastruktur bereits besetzt haben. Aber wenn wir uns die verarbeitende Industrie ansehen, wie zB Textil, Papier, Kunststoff, Verpackungen, Reifen, Wellpappe – Bereiche, in denen wir auch tätig sind -, sind die meisten Unternehmen dort in indischer Hand.

Bedeutet dies, dass Indien das neue China für unsere Unternehmen wird?

Es gibt viele wichtige Märkte auf der ganzen Welt. China, USA, Brasilien, Japan, Indien. Aber sie alle stellen uns vor unterschiedliche Herausforderungen. So können Sie zum Beispiel den Export nach Indien mit „Made in Germany“ vergessen. Sie haben keine Chance, bei nahezu gleicher Funktion kostenmäßig das indische Niveau zu erreichen. Sie haben keine Chance, deutsche Hightech-Produkte in Indien zu verkaufen. Sie werden nur erfolgreich sein, wenn Sie 50-60 Prozent lokale Wertschöpfung oder eine Monopolstellung haben. Aber wer hat heutzutage ein Monopol?

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Und es gilt nicht für China?

So war es in China. Zumal China bis vor etwa fünf bis sieben Jahren auf Exporte aus Deutschland angewiesen war. Aber das Land kommt eher aus der Konsumindustrie. China und Taiwan stiegen in der Spielwarenindustrie auf und transportierten ihre Produkte in die Welt, setzten aber immer auf westliche Technologie, maschinelle Verfahren und Know-how. Allerdings ist die chinesische Politik in den letzten zehn Jahren sehr protektionistisch geworden. Heute ist China zu einem absolut ernstzunehmenden Konkurrenten für jede westliche Technologie geworden.

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Warum lohnt es sich also für Erhardt+Leimer überhaupt, sich auf Indien zu konzentrieren?

Speziell für Erhardt+Leimer, dass wir durch den frühen Markteintritt eine extreme „Brand Awareness“ haben. Damit haben wir in allen Marktbereichen, in denen wir tätig sind, aufgrund unserer fast 50-jährigen Präsenz einen Marktanteil von fast 60 Prozent. Das macht es uns relativ einfach, das Geschäft dort auszubauen und zu steigern. Aber das hat weniger mit Indien zu tun, als vielmehr damit, dass wir das Glück hatten, so früh dorthin zu reisen.

Was also macht Indien so besonders?

Was Indien besonders macht, ist Folgendes: Zu den Vorteilen gehört die “Brainware”, weil die Sprache großartig ist. 1,4 Milliarden Menschen sprechen Englisch, obwohl es in Indien selbst viele indigene Sprachen gibt – aber Englisch verbindet sie alle. Folglich verfügen sie über ein hohes Potenzial an Mitarbeitern, die international kommunizieren können. Indien ist einerseits für Software-Engineering und andererseits für Mechanik und Stahlkonstruktionen bekannt. Was Indien fehlte – wo China und Taiwan absolut führend waren – ist der gesamte Sektor der Elektronikindustrie. Aber jetzt ist es anders.

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Die Situation in Indien hat sich also geändert – ändert Erhardt+Leimer auch dort sein Geschäftsmodell?

Sie müssen immer bereit sein, ein Unternehmen zu wechseln, sonst gehen Sie schnell pleite. Vor sieben Jahren haben wir in Indien ein 100.000 Quadratmeter großes Grundstück gebaut und werden jetzt ein weiteres Grundstück kaufen. Ende des Jahres werden wir eine Fabrikhalle mit weiteren 10.000 Quadratmetern in Betrieb nehmen. Was in Indien jetzt dringend benötigt wird, ist die Qualifizierung des Personals. Als Hightech-Unternehmen brauchen wir Menschen, die verstehen, verkaufen, anwenden, herstellen und programmieren können, was wir vermarkten. Indien fehlt, was Deutschland so erfolgreich gemacht hat: ein duales Ausbildungssystem. Also machten wir uns daran, eine eigene Ausbildungswerkstatt in Indien aufzubauen.

Das klingt alles nach einem zukunftssicheren Konzept. Aber ist Indien auch völlig risikofrei?

Gar nicht. Es gibt immer noch große nationale Unterschiede in Bezug auf Mentalitäten, Sprachen und manchmal unterschiedliche lokale Gesetzgebungen. Das Land ist groß, 3.000 Kilometer von Ost nach West und 3.000 Kilometer von Nord nach Süd. Das Land ist durch das marode Eisenbahnnetz aus der britischen Ära verbunden. Das macht das Reisen unglaublich schwierig.

Was ist also Ihr abschließendes Fazit: Lohnt es sich für Unternehmer heute noch, nach Indien zu expandieren?

Natürlich lohnt es sich, nach Indien zu gehen. Ich sehe die weltwirtschaftliche Entwicklung insgesamt eher neutral. Wer wo regiert, ist mir egal. Wer bleibt angesichts der bevorstehenden Deglobalisierung ein starker Partner für die EU? China schließt, Amerika reindustrialisiert und konzentriert sich auf sich selbst. Indien hat Potenzial als Absatzmarkt, als Investitionsstandort und auch als Partner. Auch kulturell gibt es gewisse Gemeinsamkeiten. Indien schätzt eine hohe Militärpräsenz nicht. Indien will wirtschaftlich und nicht militärisch gewinnen. Insofern passt es sehr gut zu Europa.

Der indische Standort von Erhardt+Leimer. Foto* E+L

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